| Beobachtungen von Andreas Hirsch
und Peter Rantasa
KOLLATERALSCHADEN ODER EMANZIPATION
Katalogbeitrag für Ars Electronica 2002/Unplugged
Prometheus lacht sich ins Fäustchen,
arbeitet weiterhin an der Perfektionierung seiner Maschinen, bedient
sich ihrer zur Beherrschung der Welt und verbringt seine Ferien
in der Sonne Freitags, um sich von der Anstrengung und der Eintönigkeit
seiner hoch technisierten Gesellschaft zu erholen. (1)
Die Verwendung des Begriffes "unplugged" als Motto
ist nicht unschuldig. Auch ein über Negation definierter
Normalzustand verwirft, was nicht Regelfall ist: im besten Fall
zur zugelassenen Ausnahme. Das Begriffspaar „plugged“
und „unplugged“ schreibt sich allzu leicht in den
vorherrschenden Konsens ein, als dass es ohne weiteres ein Reibungspunkt
sein oder Fluchtlinien eröffnen könnte, und wir sind
gewarnt: „ […] die tatsächliche Freiheit des
Denkens meint die Freiheit, den vorherrschenden liberal-demokratischen
'postideologischen' Konsens zu hinterfragen – oder sie bedeutet
nichts." (2) Trotzdem: Vor
dem zwischen „plugged“ und „unplugged“
aufgespannten Theaterprospekt werden Szenen sichtbar, in denen
Geschichten stecken, die etwas über das Leben der Menschen
aussagen. Auf der Bühne eines Kunstfestivals haben wir es
mit der auf dramatische Bilder reduzierten „Welt der Sachlagen“
(3) zu tun, deren Inszenierung uns
abhält, in alltäglichen Klischees stecken zu bleiben.
Um aber andererseits nicht in den Bildern zu versinken, dienen
uns Beobachtungen.
Strom und treibende Kraft
Die über das „Ausstecken“ evozierte Vorstellungswelt
ist eine elektrische. In der Eröffnungsszene stehen einander
Thomas Alva Edison und Nicola Tesla in einer Gewitternacht gegenüber,
Blitze in ihre Geräte leitend. Der eine befindet sich, über
die Leiche der elektrokutierten Elefantenkuh Topsy, auf dem Weg
zur Erfindung des elektrischen Stuhles, zu Patenten, Ruhm und
dem heutigen Konzern General Electric. Der andere wird sich nach
Verzicht auf seine Ansprüche im bald beginnenden Stromkrieg
letztlich um die Verwirklichung seiner Vision der schrankenlosen
Distanzüberwindung der elektrischen Energie geprellt und
seinen emanzipatorischen Ansatz in Obskuranz und Vergessen abgedrängt
sehen. Noch heute gehen 1,6 Milliarden Menschen mehrere Stunden
täglich, um ihren Energiebedarf mit Holz oder Kuhdung zu
decken.
Die Gemeinschaft der Amish in Pennsylvania nutzt elektrischen
Strom, verweigert aber den Anschluss an öffentliche Netze.
Die selbstgewählte Mühsal einer Energieerzeugung mittels
Generatoren und auf Pferdefuhrwerken herangeschafftem Treibstoff
dient einem emanzipatorischen Zweck: Der bewusste Einsatz der
Ressource stärkt ihre Autonomie. Howard Rheingold charakterisiert
die Amish als Menschen, die „weit davon entfernt [sind],
technophob zu sein, sondern vielmehr sehr adaptive 'Techno-Selectives'
[sind]“(4). In den „angeschlossenen“
Teilen der Weltgesellschaft zeigt sich dieses Bedürfnis nach
Autonomie in den Werbekampagnen für TÜV-garantiert atomfreien
Ökostrom in der Glühbirne.(5)
Kultur als Rohstoff
An- und Ausstecken in der Popkultur: Bob Dylan wurde nach dem
Anstecken seiner Gitarre an den Verstärker von Teilen der
Protestströmungen der 60er-Jahre als Verräter gebrandmarkt,
weil er sich in das internationale Rockbusiness ein„pluggte“.
Drei Jahrzehnte später pluggte sich Curt Cobain unter Hinweis
auf die unauflösbaren Widersprüche dieser Situation
mittels Schrotflinte aus und stellte damit klar, dass der elektrische
Verstärker das musikalische „Kraftwerk der Gefühle“
nur versehentlich in die Fußballstadien der Welt katapultiert
hatte. MTV brachte „unplugged“ als Marke zur Beschwörung
der Authentizität längst abgespielten Repertoires auf
den Begriff. Ironischerweise erweist sich die knapp vor Cobains
Tod aufgezeichnete MTV-Unplugged Session von Nirvana heute als
eine der wenigen von Bestand.
Axelle Kabou schrieb 1991: „Dieses selbstzufriedene Afrika
muss endlich einsehen, dass das Prinzip der Gleichwertigkeit von
Kulturen – unbestreitbar im Bereich der Ästhetik, der
Sitten und Gebräuche – sich nicht automatisch auf die
Wirtschaft und das Militärwesen bezieht und dass Wirtschaft
und Verteidigung genauso kulturelle Produkte sind wie zum Beispiel
ausgeklügelte Verwandtschaftsverhältnisse, Tanz und
Masken.“(6)
Heute, in der Morgenröte einer neuen Ökonomie der Wissensgesellschaft,
ist klar, dass das Spiel – soweit es Tanz und Masken betrifft
– zumindest in eine Richtung eröffnet ist: Die Netze
sind Content-hungrig, die Aufmerksamkeit der User schnell ermüdet.
Es bedarf immer neuer Abwechslungen, um sich zu erholen. „Die
Sonne Freitags“ wird zum perfekten Steinbruch einer an ihre
Grenzen gelangten Unterhaltungsindustrie, der es mangels möglicher
Unterscheidungen in ihrem eigenen, engen Formenkanon längst
an Inputs gebricht. Was liegt näher, als weiter zu kolonisieren,
sich wie ein großer Parasit anzuhängen an das, was
noch unplugged ist, um es zu kommodifizieren und in den Strömen
universeller Verwertung auszusaugen?
Wie ungebrochen einseitig der Ressourcen-Drain des Kolonialismus
nach wie vor funktioniert, zeigt der Umstand, dass für den
zahlungskräftigen US- und EU-„Worldmusic“- Markt
eigens Produkte geschaffen werden müssen, weil die authentischen
Produktionen mit ihren – von der Zielgruppe als billig empfundenen
– Keyboard-Sounds und eigensprachigen Form-Dialekten als
„nicht authentisch“ abgelehnt werden.
Hinsichtlich der abendländischen Kulturleistung einer globalen,
Kapital akkumulierenden Wirtschaft stellt Immanuel Wallerstein
in seiner Analyse der aktuellen Krise dieses Systems die Frage:
„Wenn wir uns, wie ich behauptet habe, tatsächlich
in einer langen und schwierigen Übergangsphase von unserem
existierenden Weltsystem zu einem oder mehreren anderen befinden
und wenn das Ergebnis unsicher ist, so stehen wir zwei großen
Fragen gegenüber: Was für eine Welt wollen wir eigentlich;
und: Mit welchen Mitteln oder auf welchen Wegen werden wir sie
höchstwahrscheinlich erreichen?“(7)
Mit Axelle Kabou müssen wir heute fragen: Welche Übersetzungsleistungen
in beiden Richtungen wären notwendig, damit das Einpluggen
sogenannter Entwicklungsländer über den „Digital
Divide“ hinweg in die sich bereits krisenhaft häutenden,
angeschlossenen Systeme einen Emanzipationshorizont böte?
Vor dem Hintergrund dieser Frage sind auch die von der UNESCO
(8) in ihrem Plan für die
Jahre 2002–2007 ausgerufenen strategischen Ziele der „Global
Alliance for Cultural Diversity“ – namentlich „internationalen
Copyright-Regelungen Respekt zu verschaffen“ und „effektivere
Mechanismen der Verhinderung von Piraterie zu fördern“
– doppelgesichtig zu sehen. Die von der UNESCO gewählten
Mechanismen setzen auf der Schaffung jener strukturellen Grundlagen
auf, die auch das Fundament der Einseitigkeit nicht nur der postkolonialen
Warenströme bilden. Michael Hardt sagt dazu: „Die bekanntesten
unter den NGOs kollaborieren auf eine bestimmte Weise mit den
bestimmenden Kräften der Globalisierung. Manche gehen so
weit, die Hilfsorganisationen als das lächelnde Gesicht des
Neoliberalismus zu bezeichnen: Sie räumen auf, was der Neoliberalismus
an Schaden angerichtet hat, und machen ihn so akzeptabel. Ich
glaube nicht, dass man das sagen sollte. Das klingt, als halte
man die Mitglieder solcher Organisationen für absichtliche
Komplizen, was sie natürlich nicht sind. Doch viele NGOs
stimmen in mancher Hinsicht ideologisch mit den Globalisierungsmächten
überein.“ (9)
Kunst, Bilder und Medien
Bürokratische Planbarkeit anstelle politischer Gestaltung
ist im Gewicht von Institutionen auf einer kollektiven Ebene ebenso
ausgedrückt wie auf einer individuellen Ebene in der Welt
der Produkte von Microsoft: „Stalin ist die Ikone einer
solchen imperialistisch- technologischen, planenden, manipulativen
Politik. Er ist derjenige, der im zwanzigsten Jahrhundert diese
leise, planende Gewalt wie kein anderer verkörpert. Wenn
Hitler sozusagen die Gefahr der Rock-Kultur als Lebensweise (10)
darstellt, stellt Stalin die Gefahr von Microsoft als Lebensweise
dar. Es ist nicht ausgeschlossen, dass vielleicht in der nächsten
Generation diese Gefahr sehr viel deutlicher empfunden wird ...“
(11) Das sich an dieser Gefahr abarbeitende
Selbstverständnis von Medienkunst war – wie es auch
in der Legitimation der Ars Electronica zum Ausdruck kommt –
seinem Zugang nach nie politikfrei.
Heute allerdings scheinen sich Kunst und Politik wie in dem Kinderspiel
„Reise nach Jerusalem“ – in dem immer genau
ein Stühlchen zuwenig da ist – zu verhalten: Die Gewichte
zwischen Ästhetik und Politik verschieben sich.(12)
Die Position der Politik wurde durch die Entmachtung seiner Repräsentanten
im Dogma der Ökonomie scheinbar frei für die Besetzung
durch eine Kunst, deren Legitimation durch den Verlust ihres Monopols
über das Ästhetische in der Informationsgesellschaft
ebenfalls in Bedrängnis geraten ist. Kein freies Stühlchen
findet jedoch tatsächlich gestaltendes politisches Handeln.(13)
Zum aktuellen Zustand der Kunst stellt Okwui Enwezor fest: „Die
heutige Avantgarde ist so sehr innerhalb der Weltordnung des Empire
diszipliniert und domestiziert, dass ganz andere Regulations-
und Widerstandmodelle gefunden werden müssen, um dem Totalisierungsanspruch
des Empire entgegenzuwirken.“(14)
Niklas Luhmann beschreibt die Herausbildung der Funktion europäischer
Kunst so: „Das Individuum ist sich selbst eigentlich nur
als fragmentarisches Selbst gegeben, das sich erst unter dem Druck
der Erwartungen anderer zu einer darstellbaren Identität
formt. [...] In dieser kulturgeschichtlichen Lage entdeckt die
Kunst für sich selbst ein neues Thema, das Thema der ‚Authentizität’.
In dem Maße, in dem die Beobachtung von Kunstwerken als
Beobachtung zweiter Ordnung Routine wird, setzen auch Gegenbewegungen
ein. Sie zielen im Wesentlichen auf dies Problem der Authentizität.“(15)
Was aber authentisch ist, liegt an den Bedingungen, die dem Kunstsystem
vorangehen. So wie in der Küche das Konzept von „Frische“
nicht den Geschmack, sondern den Anschlussgrad einer Gesellschaft
im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert: entweder als ungebrochene
Kühlkette internationaler Nahrungsmittelkonzerne in Anwendung
von Hygienevorschriften oder als augenscheinlich lebendes Tier,
seien es Frösche oder Schlangen auf den Märkten Chinas
oder Hühner in Marokko.
Kunst bleibt der Gesellschaft und ihrer Kultur, deren Funktion
sie ist, verhaftet. Greift sie Themen von außerhalb auf,
verschafft sie diesen zwar Eingang in ihre eigene Gesellschaft,
ohne Involvierung politischer Institution bleibt ihr Wirkungsradius
aber auf schlichtes „Politisieren“ beschränkt.
Die simple Arrogation des Politischen nicht durch die Kunst, sondern
die Künstler wird als Widerstandsmodell nicht genügen,
solange das in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zugewiesene
Kunstfeld nicht verlassen werden kann. „Die Einstellung,
Kunst ALS KUNST zu sehen, als selbständiges Gebiet schöpferischer
Leistung – eine Einstellung also, als deren einseitige Verzerrung
das viel berufene Schlagwort „L’art pour l’art“
gilt – kündigt sich an, wenn der Wunsch laut wird,
den Namen des Meisters mit seinem Werk zu verbinden.“(16)
Im Politischen weist die Verbindung Name-Werk, wenn kein demokratischer
Prozess einer Positions- und Mandatfindung beigegeben ist, auf
die Rolle des Autokraten, Monarchen, Diktators hin. Der ohnmächtige
Gestus des Künstlers als politischem Akteur bleibt ohne zuvor
erworbene Legitimation im besten Falle aufrichtige Selbstberuhigung,
im schlechtesten Falle verkommt er zu Marketing.
Politik
Die seit dem Inkraftreten des Abkommens von Schengen im Jahre
1990 drastisch zurückgegangene Zahl der Einreisegenehmigungen
nach Europa hat nicht nur Europa in eine Festung verwandelt, sondern
auch vielen Jugendlichen etwa im benachbarten Maghreb das Gefühl
des Eingesperrtseins vermittelt.(17)
Der Wunsch zum Verlassen des Landes wird dort im erwachsenen Mann
so übermächtig, dass trotz ungewissem Ausgang und Risiken
für Leib und Leben ein Vermögen für Schlepperbanden
aufgebracht wird, um den gelobten – plugged – Westen
zu erreichen. Der Mythos des reichen Europa wird – neben
in den Ferien heimkehrenden Erfolgsmigranten – über
Satellitenfernsehen transportiert. „Mit der Verbreitung
der Satellitenschüsseln seit Ende der 80er-Jahre ist für
viele Bewohner der Maghrebs ihr Weltbild unwiderruflich zerbrochen.
Wie die Tunesier dank der RAI begannen, Italienisch zu lernen,
die Algerier sich an die französischen Nachrichten gewöhnten,
so öffneten sich auch die Marokkaner langsam für neue
Horizonte.“(18) Dem Einklinken
der marokkanischen Gesellschaft in den globalen Bilderstrom folgt
das Einklinken vor allem marokkanischer Männer in den globalen
Menschenstrom der Migration.
Die Szene der Tausenden an den Küsten Marokkos und Spaniens
angeschwemmten Leichen dieser Wirtschaftsmärtyrer wäre
unvollständig, sähe man hier nicht im gleichen Moment
jene Personen „sans papiers“, die – letztlich
von einer höllischen Situation in die nächste gelangend
– in den Tunnel bei Euralille hinein und in den Tod laufen,
und die zahllosen Anderen, die im Netz von Schengen hängen
bleiben. Die Konfrontation westlicher Gesellschaften mit den „Unplugged“
– eigentlich weniger ein Zustand, denn die Bezeichnung für
Gruppen von Menschen – führt gängige, westliche
Toleranzbegriffe sehr rasch und in sehr aussagekräftiger
Weise an ihre Grenzen. Ein Aufstand marginalisierter Gruppen –
wie eben die Demonstrationen der „Sans Papier“, der
Ausbruch der im Lager von Woomera in Australien festgehaltenen
Personen oder die um ihre Anerkennung als nichtterritorialer Staat
ringenden Roma – zeigt die Defizite der Demokratien in der
Schaffung neuer Räume und Vorbedingungen für die stattfindenden
Umbruchsphänomene.
Die Berichte legen nahe, dass die via Satellitenfernsehen transportierten
Bilder der Konsumwelt die Empfindung der eigenen wirtschaftlichen
Tristesse so sehr steigern, dass die Kluft zwischen Wunsch und
Wirklichkeit durch emanzipatorisches Handeln im eigenen Rahmen
unüberwindbar erscheint. Wenn dies zutrifft, dann sind die
in dieser Kluft sterbenden Wirtschaftsmärtyrer „Kollateralschäden“
der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Verführung
hergestellten Bildattacken auf die Aufmerksamkeit des Medienpublikums.
Effektive Gegenstrategien auf der symbolischen Ebene sind –
wenn auch selten aus der Kunst kommend – möglich, wenn
sie sich letztlich mit einem Mandat verbinden: Das aus Somalia
stammende Supermodel Waris Dirie – zunächst in diesem
Beruf eine Akteurin im Spiel der Verführung – nutzt
die ihr zuteil werdende Aufmerksamkeit, um über ihre persönliche
Geschichte der Verstümmelung durch Klitorisbeschneidung auf
die Gewalt aufmerksam zu machen, der Frauen in vielen Ländern
mit kulturellen Begründungen ausgesetzt sind. In ihrer Arbeit
als Botschafterin des United Nations Populations Fund versucht
sie, nun wieder vor Ort in Afrika eine Verbesserung der Situation
durch die Betroffenen selbst zu ermöglichen.(19)
Kommunizierende Plateaus
Wir kommen an der modernen Frage nach dem emanzipatorischen Gehalt
technologischer Entwicklung nicht vorbei. In Entwicklungszusammenhängen
betrifft dies nicht nur Projektionen und Erwartungen, sondern
auch die konkrete Macht, die Verhältnisse zu verändern.
Axelle Kabou beschreibt das Zusammenspiel von „Négrisme“
und „Tiers-mondisme“ (Dritte-Welt-Anhängertum)
in der Bestätigung des postkolonialen Status-Quo in Afrika
als wesentlichstes Entwicklungshindernis und plädiert für
radikale Eigenverantwortung der betroffenen Völker. Die Debatte
um „plugged“ und „unplugged“ wird vor
dem Hintergrund des Kolonialismus und Postkolonialismus geführt,
sie findet im Kontext einer gescheiterten Dekolonisierung und
einer Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln und mit
modifizierten Akteuren statt, wenn anstelle der alten Kolonialmächte
transnationale Unternehmen und NGOs tätig sind.
Das Wirtschaften unter der Ratio der Kapitalakkumulation umfassend
zu setzen und damit dem Paradigma von „Pluggedness“
als Normalität zu folgen, hieße aber auch, der vor
dem Hintergrund des Niederganges der Sowjetmacht formulierten
Siegerrhetorik Francis Fukuyamas zu folgen, der vom „Ende
der Geschichte“ sprach und eine an die globale Marktwirtschaft
gebundene Demokratie als den Schlusspunkt der ideologischen Evolution
der Menschheit sah.
Die Frage nach einem Außen der „Pluggedness“,
das nicht nur irrtümlich noch „unplugged“ geblieben
ist, sondern für Freiheit und Alternativen steht, hat vielleicht
Michael Hardt – in Abgrenzung von den Positionen mancher
Protestbewegungen der achtziger Jahre, die sehr moralisch auf
einem Außen der Macht und einer Reinhaltung von ihren Verführungen
bestanden hatten – beantwortet: „Ich glaube, es ist
produktiver, zu erkennen, dass wir alle kontaminiert sind und
in einer globalen Machtstruktur leben, was eben aber nicht heißt,
dass wir nichts anderes erschaffen könnten.“(20)
Verhandeln über „plugged“ und „unplugged“
heißt auch, die Frage nach der Form und dem Ort des Diskurses
zu stellen. Man wäre versucht, Vilém Flussers Katalog
der Kommunikationsstrukturen noch zwei Typen hinzuzufügen:
die Verwaltung der Festung und die Begegnung unter offenem Himmel.(21)
Während sich der neoliberale Zirkel und die westlichen Gesellschaften
in festungsgleichen Situationen abschotten, finden emanzipatorische
Diskurse – wie zuletzt in einem afrikanischen Dorf nahe
Bamako in Mali im Juni 2002 – unter freiem Himmel statt.
Die letzte Szene zeigt die Tausendschaften hochbewaffneter Sicherheitsleute
bei der Abschirmung der Gespräche der G8, WTO etc. auf der
einen Seite und den „Gipfel der Armen“ an einem symbolträchtigen
Ort in Mali (22) unter offenem Himmel
auf der anderen Seite. Das Gelingen eines Dialoges kommunizierender
Plateaus unterschiedlicher Energieniveaus im Kunstkontext wird
nicht zuletzt davon abhängen, ob dieser von den Dämmen
überwölbt ist oder als „Diskurs unter freiem Himmel“
stattfindet und ob wir uns – mit dem Eingeständnis
unserer Unwissenheit und Kontaminiertheit – von einer Sichtweise
lösen, die Regel und Ausnahme glaubt trennen zu können.
Die Einschreibung der Differenzen in das Kunstsystem allein wird
nicht reichen. Es bedarf gleicher Voraussetzungen für alle.
(1) Axelle Kabou, Weder arm noch ohnmächtig,
1991. Das kontrovers diskutierte Buch zieht auch mehr als ein
Jahrzehnt nach seinem Erscheinen ein deutliche Spur durch die
Debatten, was darauf hindeuten mag, dass in diesem Jahrzehnt zwar
viele Veränderungen sowohl in Afrika als auch in der „westlichen
Welt“ vonstatten gingen, am Kern ihrer Kritik und damit
an ihrer Relevanz sich aber wenig geändert hat.
(2) Slavoj Zizek, "Ein Plädoyer für die leninistische
Intoleranz", aus Documenta 11, Plattform 1,
zitiert nach www.documenta.de/data/german/platform1/abstracts-vienna.html
(3) Vilém Flusser, "Die kodifizierte Welt aus Medienkultur",
Frankfurt am Main 1997, Seite 24. Natürlich spricht Flusser
an dieser Stelle von einem magischen Weltbild, aber gerade auf
ein solches zu rekurrieren, erschien in der argumentativen Gemengelage
unterschiedlicher Klischees – insbesondere im Umgang mit
aktuellen Situationen in Afrika – nicht ohne Reiz.
(4) ebenda
(5) Siehe auch die aktuelle Kampagne von EON: http://www.eon-energie.com/
(6) Axelle Kabou, Weder arm noch ohnmächtig, 1991, Seite
143
(7) Immanuel Wallerstein, Utopistik, Historische Alternativen
des 21. Jahrhunderts, Wien, 2002, Seite 76
(8) www.unesco.org/culture/alliance/
(9) Michael Hardt im Interview mit Ralph Obermauer in brandeins
04/02, Seite 37
(10) Exemplarisch ist die Versuchung der Macht in der übersteigerten
Pose des Rockstars [englisch: „Rock-God“] im Song
In the Flesh von Pink Floyd aus The Wall, 1979 (oder auch bei
The Residents, Third Reich and Roll oder Laibach et al.) formuliert:
“Are there any queers in the theatre tonight / Get ‘em
up against the wall / That one looks Jewish / And that one’s
a coon / Who let all this riff raff into the room / There’s
one smoking a joint and / Another with spots / If I had my way
/ I’d have all of you shot.“
(11) Boris Groys im Gespräch mit Thomas Knoefel, Politik
der Unsterblichkeit, Edition Akzente / Hanser, 2002
(12) Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit: „So steht es um die Ästhetisierung
der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet
ihm mit der Politisierung der Kunst.“ – Nachdem sich
heute kaum jemand auf den Kommunismus beruft, sind wir durch diese
Gewichtsverschiebung naturgemäß alarmiert.
(13) Karl Marx, Thesen über Feuerbach, 1845, zitiert nach
Marx u. Engels, Werke, Bd.3, Berlin 1978, S. 533 – 5: „Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt
aber darauf an, sie zu verändern.“
(14) Okwui Enwezor unter Bezugnahme auf Hardt/Negri in Dokumenta
11_Plattform 5: Ausstellung, Kassel, 2002, Seite 45
(15) Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt a/Main,
1995, Seite 145
(16) Ernst Kris, Otto Kurz: Die Legende vom Künstler, Frankfurt
am Main 1995 (1934)
(17) Pierre Vermeeren, „Schiffbruch der Illusionen“
in Le Monde Diplomatique, Ausgabe Juni 2002
(18) ebenda
(19) www.unfpa.org/news/pressroom/1997/dirie.htm Waris Dirie,
Nomadentochter, München, 2002
(20) ebenda
(21) Vilém Flusser, Kommunikologie, Bollmann / Mannheim,
1996.
(22) Natürlich wurde der Ort dieser Konferenz auch mit Wohlbedacht
seiner Wirkung in den Medien der Welt gewählt. Das Dorf Siby
ist der Ort, an dem im 13. Jahrhundert Sundiata Keita, der Gründer
des Westafrikanischen Großreiches von Mali, eine Verfassung
ausarbeitete.
This text was commissioned by ars electronica festival 2002
|