Andreas Hirsch
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WER VISIONEN HAT, BRAUCHT EINEN ARZT.(1)
Über das Verhältnis von Politik, Kunst und Vision.
Oder: wie man sich zu früh gefreut hat, etwas losgeworden zu sein, das einem heute fehlt.

Ein Gespräch zwischen Andreas Hirsch und Peter Rantasa.

Andreas Hirsch
Wie nähere ich mich der Klärung eines Konzeptes an? Ich gebe die zugehörigen Begriffe in eine Suchmaschine ein. Bei »Visionen« deutet das auf eine Besetzung des Begriffes durch – religiöse – Fundamentalismen. Christlich-katholisch-fundamentale Hilfsorganisationen bis hin zu Umweltorganisationen und religiöse Portale nutzen gerne diesen Topos. Ein Stück Scholastik blitzt durch, längst überwunden geglaubte Denkmuster. Der hoffnungsbeladene Begriff könnte eine Inklination zu Tendenzen haben, die hinter die Aufklärung zurückführen. Wahllose Beispiele, sie nähren aber mein Unbehagen, mit dem Begriff Vision zu operieren.
Peter Rantasa
Die religiöse Konzeption von Vision ist individualisiert: das innere Gesicht. Eine solche Vision braucht, um artikuliert zu werden, die problematische Gestalt eines Propheten. Ein kollektives Moment kommt erst später, in der Utopie zum Tragen, in der ein gesellschaftlicher Entwurf formuliert wird. Ich bin mir nicht sicher, ob man man das Konzept der Vision – wie so viele andere – in diesem Umfeld, das du gerade skizziert hast, belassen soll, oder ob es nicht vielversprechend wäre, es zurückzuholen und mit einer positiven – im Sinne von emanzipatorischen – und politikfähigen Bedeutung zu laden.
Hirsch
Wir könnten »Visionen« im aktuellen Medienkontext auch als Meme – also als kulturelle Informationseinheiten – begreifen, die sich durch Kommunikation verbreiten und so im Rahmen einer »kulturbestimmten Entwicklungsgeschichte« positive Kraft (2) entfalten können. Dazu müssen sie natürlich im memetischen Genpool mitschwimmen. So gesehen könnte es sich schon lohnen, den Begriff der Vision zurückzuholen.
Rantasa
Aber wer sondert diese Meme in den Genpool ab? Zeitdiagnostische Feulletonistik und Trendforschung. Die Wahrsagerei ist – wie die Kunst oder die Welt der CEOs – stark genialisiert. Trendforscher – Toffler, Naisbitt, Horx, Gerken –, sie alle agieren wie Popstars. Interessant ist die von ihnen erzeugte Rückkopplung auf die prognostizierte Wirklichkeit durch Einfluss – via Führungsetagenseminar und die Rezeption bei Investmentbankers und Fondsmanagern – beispielsweise auf Kapitalmärkte oder Polit-Think-Tanks. Siehe New Economy. Auch selbst bei solchen offenkundigen Self-fulfilling Prophecies haben wir es mit Gestaltbarkeit von Zukunft zu tun.
Wenn ich in diesem Zusammenhang einen Blick in den Rückspiegel werfen darf: Hoffentlich ist das 20. Jahrhundert vorüber. Diese Hoffnung, es immer mehr vorüber sein lassen zu können, ist eine starke Motivkraft für Handeln.
Hirsch
Die grossen Gegensätze des 20. Jahrhunderts waren weithin noch ein Aufarbeiten von Kontroversen des 19. Jahrhunderts. Jetzt könnten wir daran gehen, die Kontroversen des 20. Jahrhunderts zu verdauen und dann endlich ... loszuwerden.
Rantasa
Das 20. Jahrhundert: zwei Weltkriege, namenlose Grausamkeiten, zusammengefasst in Kürzeln wie Holocaust und Gulag, Hiroshima und Nagasaki – eine Fratze der Ideen von Fortschritt, Entwicklung und Technologie, welche zumindest die Visionäre unter den Erfindern getrieben hatten. Aber es gibt zumindest auch Reaktionen, die weiterhin diskussionswürdig bleiben: die Deklaration und kollektive Verankerung der Idee von Menschenrechten oder ein Friedensprojekt der Europäischen Integration, das den Kern zur Überwindung des Gedankens der Nationalstaaten gelegt hat.

Hirsch
Zum Verhältnis Vision-Illusion-Realismus war es Slavoj Zizek, der darauf hingewiesen hat, dass der Realsozialismus nicht am Versuch gescheitert ist, eine illusionäre, utopische Vision von Humanität zu verwirklichen, sondern in Form des Stalinismus vielmehr an seinem Übermass an »Realismus«, der Unterschätzung des realen Potenzials von Illusionen.(3)
Rantasa
Bleiben wir bei solchen Spiegelungen oder Brechungen. Michel Foucault (4) hat gemeint, dass der Faschismus der Ausdruck des Humanismus in seiner radikalsten Form war, und sich als »Antihumanist« bezeichnet. Eine dekonstruktivistische Postition, die den utopischen Positionen – als grosse Erzählungen der Aufklärung verstanden – entgegengesetzt ist. Das ist angesichts der beispiellosen Verwerfungen der Geschichte notwendig, die von Foucault selbst entfalteten Aktivismen einer Mikropolitik bestätigen, aber auch sein Motiv ist eine Verbesserung der Welt.
Aus der grösseren Distanz des Hier und Jetzt zeigt sich, dass jene diskursive Figur, die etwas später – vor allem mit Blick auf eine in gebauter Wirklichkeit Gestalt annehmende Epoche – irrtümlich als Postmoderne ausgerufen wurde, eigentlich ein Übergangsphänomen darstellt. Einer Neuorientierung zwischen einer Frühmoderne und der sich nunmehr – auch in der architektonischen Debatte – abzeichnenden zweiten Moderne.(5) Was einem solchen – vermeintlichen – Rückgriff abzugewinnen ist, ist natürlich die Handlungsfähigkeit des Subjekts, die der Moderne innewohnt.
Hirsch
Folgt man aktuellen soziologischen Diskursen, wie etwa bei Ulrick Beck und Anthony Giddens, dann geht es nun um »Reflexive Modernisierung«, einen radikalen Wandel der Moderne, was ihre Grundlagen und Leitideen betrifft.
Rantasa
Die erwähnte Fratze, zu der die »inneren Gesichte« der Moderne im KZ entstellt worden sind, hat einen Schock hervorgerufen und die Vorstellung entstehen lassen, dass integrative, emanzipatorische Entwürfe vollständig ein falsches Modell, ein Holzweg gewesen sein könnten.
Was es wiederzugewinnen gilt, ist die Fähigkeit zum politischen Handeln. Nicht bloss auf der Ebene des alltäglichen Tuns – worauf sie im vulgarisierten postmodernen Gesellschaftsklischee reduziert worden war: »Meine Kunst ist mein politisches Statement«. In der gegenwärtigen Situation muss politisches Handeln – so wie es Pierre Bourdieu in seinen letzten Jahren gesagt hat (6) – auch für Intellektuelle wieder in einem institutionellen politischen Massstab denkbar sein, und zwar als integeres, fortschrittliches, kritisches, visionäres, einer Utopie, einer besseren Welt – wenn man all diese Worte wieder gebrauchen darf – verpflichtetes Handeln. All die Dekonstruktionen – die wertvollen entschleiernden und entmythifizierenden Charakter hatten – bleiben erhalten: als hilfreiche Werkzeuge, um nicht wieder in die alten Fallen zu tappen.
Hirsch
Auf der Habenseite des 20.Jahrhunderts würde ich die Erfahrung der »Globalität« verbuchen, die auf der Erkenntnis zivilisatorischer Selbstgefährdung und planetarischer Endlichkeit beruht und einen globalen Aktionsraum aufmacht, der auch Ansatz für Hoffnungen bietet.
Der erwähnte Einfluss- und Machtverlust des Staates findet in dem statt, was Saskia Saassen als »neue Geographie der Macht« bezeichnet hat.(7) Es geht hier um eine durch Globalisierung neu konfigurierte Rolle territorialer Exklusivität souveräner Staaten und deren Auswirkungen auf zwischenstaatliche Systeme, einen Bruch in der Geschichte des modernen Staates und der modernen Konzepte von Herrschaft.

Rantasa
Die Überwindung der Beschränkungen des geographischen Raumes ist ein konstituierendes Phänomen der Moderne.(8) Eine kosmopolitische Weltanschauung war Ende des 19. und Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Linken bis zur Verdichtung in der Hymne von der internationalen Solidarität ebenso selbstverständlich, wie in den Idealen der ESPERANTO-Bewegung eines Dr. Zamenhof.
Heute wird Globalisierung angesichts eines Übergewichtes negativer Effekte skeptisch gesehen. Wieder eine dieser Brechungen: Nationaler Protektionismus kann unter Heranziehung kulturalistischer oder ökologischer Begründungen plötzlich als fortschrittlich erscheinen. Als ob wir schon wieder vergessen hätten, wie die Konsequenzen dieser Haltung aussehen.
Tatsächlich sind im Moment die Widersprüche nicht so sehr im alten Schema »Links gegen Rechts« zu verstehen, sondern zur Disposition steht das Politische selbst. Das Öffentliche – politisch, demokratisch, mitbestimmt – gegen das Private: gewinnorientiert, profitmaximierend, shareholder-value-konzentiert im Sinne globaler Konzerne und ihrer Verantwortungsstrukturen, die eben keine demokratischen sind.
Vor diesem Hintergrund steht die angesprochene Frage des Handlungsspielraums der Politik im Raum. Mit den Mandaten der repräsentativen Demokratie ausgestattete Politiker tragen Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung, in zweiter Linie sind sie mit der Macht dazu ausgestattet. Natürlich gibt es strukturelle Veränderungen, aber wenn von Politikern das Zurückgehen des Spielraumes beklagt wird, dann tragen sie tatsächlich die Verantwortung, und zwar für den Niedergang der Demokratie.
Hirsch
Der Rückgang des Spielraumes kommt nicht von ungefähr: In den letzten beiden Jahrzehnten haben die globalen Märkte, also die Sphäre des Kommerziellen, systematisch weite Teile der früheren Einfluss-Sphären von Regierungen aufgesogen. Ein Prozess, der von politischen Parteien unterschiedlicher Prägung gefördert wurde.
Rantasa
Man könnte auch sagen, der Rückzug nahezu der gesamten Intelligenz in die Mikropolitik mit ihrem eingeschränkten Radius führt – bei gleichzeitiger Weiterentwicklung und Perfektionierung des Kapitals – das Ungleichgewicht herbei, das als neoliberale Dominanz in der Globalisierung nun langsam kritisiert wird. Das von allen Seiten betriebene Schwinden des Ansehens der Politik und der damit einhergehende Verlust an kreativem Potential in den politischen Institutionen, an Menschen, die Werten, Visionen und Utopien verpflichtet sind, überlässt das Feld vor allem den Opportunisten. Die von solchen auf ihre Abhängigkeiten bedachten Akteure bezogene Defensivposition der Politik wäre aus diesem Blickwinkel von uns allen selbst gemacht.
Hirsch
Dem global auftretenden Neoliberalismus – der fälschlicherweise mit »Globalisierung« synonym erklärt wird – kritisch gegenüberstehend, möchte ich nicht aus den Augen verlieren, dass mit »Globalisierung« – quasi in später Nachfolge des von dir erwähnten Weltbürgertums (9) und dem von ihm promoteten Bildungsgedanken einer ort- und zeitunabhängigen Humanität – ein neuer Weltbegriff entstanden ist, der – begleitet vom Computer als Universalmedium – auch positives visionäres Potenzial entfalten kann.
Rantasa
Die Organisationsformen der Globalisierungskritiker und ihr Gebrauch dieser Medien bestätigen vielleicht diesen Befund. Der Ausdruck »Globalisierungsgegner« – der die Ambivalenz der Globalisierungskritik negiert und durch Reduktion entpolitisiert – ist ein allerdings ein Kampfbegriff, der von der neoliberalen Wirtschaftspresse, wie dem britischen »Economist«, lanciert wird, um die Verbreitung der Anliegen zu verhindern.
Hirsch
Das Muster der ganzen Lektürefrüchte, die wir ständig zu erwähnen gezwungen scheinen, verdichtet sich zur Wahrnehmung eines Epochenbruches, einer massiven Umbruchssituation. In diesem Moment formieren sich erste theoretische Ansätze mit klar visionärer Ausrichtung. Allein schon die Dynamik der Rezeption der Arbeit von Michael Hart und Antonio Negri, die ihr Konzept von »Empire« (10) dem Imperialismus gegenüberstellen, belegt das bisherige Vakuum.

Rantasa
Der visionäre Gehalt gerade dieser Arbeit mag umstritten sein, aber die einer gesellschaftlichen Utopie verpflichtete Bestandaufnahme ist bei aller Unschärfe dennoch hilfreich, genauso wie ihr Pop-Appeal, der die Rezeption mobilisiert. In der politischen Beurteilung dieser Epochenveränderungen stellt die Frage des Arbeitsbegriffes ein zentrales Moment dar, insbesondere wenn wir auf die Beziehungen zu Kunst und Kultur in diesem Zusammenhang kommen. Schlagwörter wie Creative Industries, Copyright Industries oder deren Verballhornungen wie das Motto TAKEOVER der Ars Electronica 2001 müssen in diesem Kontext gesehen werden.
Saskia Sassen beschreibt analytisch etwas, das die visionäre Science Fiction von Neal Stephenson in »Snowcrash« (11) mit einer in Franchisers organisierten Welt bereits auf den Punkt gebracht hat. Hier sind die Vereinigten Staaten auf das Hauptquartier der CIA reduziert, rundherum gibt es nur noch die Territorien der Franchisers. Diese dystopische Vision, in der das Prinzip des Öffentlichen den Kampf gegen das Private verloren hat, steht tatsächlich mit einiger Berechtigung im Raum.
Hirsch
Die Verschiebungen des Arbeitsbegriffes sind massiv und weitreichend, interessant sind sie hier insbesondere unter dem Aspekt der Flexibilisierung (12) von Arbeit, des Druckes auf die Arbeitenden, für kurzfristige Veränderungen offen zu sein, vieles flexibel abzufedern und unabhängiger von früheren klaren Regeln und Prozeduren – wie etwa Karrieremustern, Gültigkeit des Erlernten, etc. – zu agieren.
Rantasa
Flexibiliät, Offenheit für Veränderungen, etc. – alles Eigenschaften, die dem »Cultural Worker« zugeschrieben werden, der als Modell für den »Knowledge Worker« der Informationsgesellschaft herangezogen wird, mit all den Effekten, die das auf die Organisation von Arbeit in sogenannten atypischen Arbeitsverhältnissen hat.
Folgen wir Hardt und Negris Zusammenfassung der Veränderung des Arbeitsbegriffes von der Agrikultur über die Industrialisierung hin zu symbolischer und affektiver Arbeit, dann drängt sich die Frage auf, welchen Charakter die Veränderungen haben und ob sich – im Sinne einer Positionsbestimmung – so etwas wie eine Ordnung, zum Beispiel in Zyklen erkennen oder konstruieren lässt.
Versuchen wir es einmal so: In der ökonomischen Theorie gibt es die sogenannten Kondratieff-Zyklen. (13) Erster Zyklus – ungefähr 1825 einsetzend –mit Dampfmaschine, Baumwolle, zweiter Zyklus Eisenbahn, Schifffahrt, Stahl, dritter Zyklus Elektrizität, Chemie, hier 1893/ 1939, vierter Zyklus Auto, Erdöl, Elektronik, fünfter Zyklus Information, Wissen, Ökologie, bis 2015, und jetzt – sozusagen vorbereitend – schon der sechste Kondratieff-Zyklus.
Hirsch
Im aktuellen Zyklus werden – folgen wir den Thesen von Jeremy Rifkin (14) – die Märkte von Netzwerken abgelöst, und Eigentum verliert an Bedeutung gegenüber dem Zugang zu Ressourcen, hier insbesondere Information, Wissen, etc.
Intellektuelles »Kapital« wird in Form von Lizenzen an Dritte diesen in begrenzter Form zur Nutzung eingeräumt. Rifkin beschreibt diese Entwicklung als Teil eines grösseren Transformationsprozesses des kapitalistischen Systems von industrieller Produktion zu kultureller Produktion.
Rantasa
Josef Schumpeter (15) hat – in Weiterentwicklung von Kondratieffs Thesen – in seinem ökonomischen Entwicklungsmodell auf die Bedeutung von Innovationen hingewiesen, von Erfindungen und Entdeckungen und dem Umstand, dass diese allgemein zugänglich sein müssen, um diese Entwicklungszyklen auszulösen. Konzentration und Monopolbildung im wirtschaftlichen Bereich sind problematische Effekte der Globalisierung, die wie in der Vergangenheit Entwicklung zu behindern drohen.

Hirsch
Selbst Apologeten ungehemmter Globalisierung sind mittlerweile mit der Rede von »idealen Märkten« vorsichtiger geworden, auch wenn sie nach wie vor freie Wirtschaft fordern und staatliche Regulative weitgehend ablehnen.
Rantasa
Bleiben wir bei der Annahme solcher Muster, so sind die Vorraussetzungen für die wirtschaftliche Dynamik nunmehr in den immateriellen Bereich des Wissens und in eine »Wissensökonomie« verlagert. Diese sind entmaterialisiert und nicht mehr territorial gebunden (16), die alten Regelungsinstrumente der politischen Souveränität, der Staatenbildung, der Nationalstaaten greifen nicht mehr, internationale Vereinbarungen gewinnen an Bedeutung. Die Regulierung dieses Marktes findet über Patente, Markenschutz und Urheberrechte statt. Die Frage, ob geistiges Eigentum in Form von Patentrechten überhaupt zu einer Verbesserung wirtschaftlichen Wettbewerbes führen kann, war noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundest heftig umstritten. Die Problematik der Biopatente und der Biopiraterie (17) zeigen die Aktualität der in der Zwischenzeit in Vergessenheit geratetenen Diskussion.
Das Urheberrecht war eine Errungenschaft der französischen Revolution und der Aufklärung, gedacht als Schutzfunktion geistigen Eigentums der Künstler. Mit Hilfe dieses Konzepts konnte die private künstlerische Vision zu einem öffentlich verfügbaren Produkt materialisiert werden. Über die Idee des »geistigen Eigentums«, die die gegenwärtige Dematerialisierung der Produktionsmittel vorbereitet, entstand ein Zusammenhang von wirtschaftlichen Entwicklungen und Kultur (oder Kunst im Besonderen), der heute die alte materialistische Analyse von Kultur als Überbauphänomen umkehrt. Der bisherige Überbau wird nun zum Fundament der politischen Ökonomie: Produktionsmittel und –verhältnisse. Das ist eine Veränderung in einer Dimension, die man als historisch bezeichnen kann.
In den Auseinandersetzungen um Urheberrechte und Wissensmonopole nehmen global operierende Unternehmen den Schutz des Urheberrechtes zur Wahrung ihrer Interessen in Anspruch. Die Schärfe der Positionskämpfe legt nahe, dass auch die Akteure das Überschreiten einer Epochenschwelle vermute und eher von einer »Landnahme« ausgehen, als von den üblichen Turf-Wars. Werden in dieser Situation nicht partizipatorische Entscheidungsprozesse eingeleitet, führt die unhinterfragte Fortschreibung der alten – in Recht gefassten – Modelle im Zusammenwirken mit den neuen Technologien im schlechtesten Fall zu einem Ende der von Kondratieff und Schumpeter beschriebenen Zyklen (18). In dieser zweiten Moderne sind die politischen Auseinandersetzungen der ersten Moderne – als die Landbevölkerung in die industrialisierenden Städte gezogen wurde – vor diesem geänderten Hintergrund noch einmal zu führen. Gegenwärtig läuft die Auseinandersetzung zwischen Öffentlich und Privat Gefahr, auch im geistigen Bereich verloren zu werden, bevor sie überhaupt eröffnet wurde.
Hirsch
In der Diskussion über »geistiges Eigentum« spielt der Ansatz der Open Source Bewegung natürlich eine wichtige Rolle. Im breiteren thematischen Zusammenhang »Werkzeug« ist vielleicht bemerkenswert, dass wir es mit einem Ansatz zu tun haben, der von Leuten entwickelt wurde, deren Werkzeug der Computer ist. Deren visionärer Zugang zu »geistigem Eigentum« ist stark von ihrem Umgang mit diesem Werkzeug geprägt, da es ursprünglich einfach um beschleunigte, kollektive Entwicklungsprozesse und schnellere Fehlerbehebung bei Software ging.
Rantasa
Es gehört zu den erwähnten Brechungen und Spiegelungen, dass die Zukunft von Wettbewerb in der Hand von Hackern liegen soll, die oft genug und problematisch ausserhalb des Rechtes stehen oder gestellt werden. Wieder ein Foucault’sches Muster. Eine seltsame Allianz von Individualanarchisten und Vertretern vergesellschafteten Wissens – zum Beispiel aus dem universitären Bereich – formiert sich in Phänomenen wie Linux und hält die Möglichkeit für Weiterentwicklung überhaupt aufrecht. Ein aktives, partizipatorisches Modell der Technologieentwicklung, das weit über die passive Beeinflussung von Designs durch Konsumption hinausweist. Monopolisierung von Wissen hat immer zur Einschränkung von Kontingenzmöglichkeiten gesellschaftlicher Strukturen geführt.
Hirsch
Bleibt in diesem Szenario noch Platz für die Figur des Künstlers und künstlerische Visionen?
Rantasa
Vor diesem Hintergrund reicht das Ausleben künstlerischer Visionen innerhalb des Kunstsystems allein nicht aus, um die Widersprüche zu überwinden und echte Fluchtlinien zu eröffnen. Alle Gestalten, die sich scheinbar visionär ihrem Substrat zu entziehen suchten – von Polit-Pop, Punk, Fluxus, Dada, Agit-Prop, Underground, etc. – wurden eingeholt und blieben in den Systemen der Kunst und ihrer Verwertung gefangen: eine Gummizelle. Allen Kunstversuchen ist gemeinsam, dass sie die privilegierte Figur des Künstlers nicht aufzuheben vermochten. Das Problem liegt dabei weniger in der Kunst als im Künstler, den Karl Marx als Ausdruck der Entwicklungsstandes der gesellschaftlichen Arbeitsteilung als in seiner Utopie überflüssig erklärte: in einer kommunistischen Gesellschaft gäbe es nicht Maler, sondern lediglich Menschen, die auch Bilder malen.(19)
Damit nicht genug: Das Kunstsystem beruht letztlich immer auf individualisiertem Ausdruck. Kunst mag zwar eine Utopie sein, der Künstler selbst gelangt jedoch nicht über die Vision hinaus. Kunst zu Werk verhält sich hier wie Wert zu Geld: die Utopie der Kunst kann nie erreicht werden, aber im Werk manifestiert sich ein universeller Tauschwert als Stellvertreter der Kunstidee.
Hier schliesst sich der Kreis zum Missverständnis von Kulturpolitik als blosser bürokratischer Geldverteilung: politische und gesellschaftliche Gestaltung verlangen auch hier Visionen und Utopien.
Hirsch
Wer keine Vision hat, sollte vielleicht einen Arzt konsultieren.


Andreas Hirsch

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Peter Rantasa
Peter Rantasa: lebt in Wien und ist ausgebildet in Nachrichtentechnik, bio-medizinischer Technik und Elektronik sowie elektro-akustischer und experimenteller Musik. Gründung des Wiener Elektronikfestivals "PhonoTAKTIK" und der Wiener Elektronik Plattform "Rhiz - Bar Modern". Musikprojekte seit 1992. Peter Rantasa ist derzeit auch geschäftsführender Direktor des mica – music information center austria.


(1) Dieses Verhältnis der Politik zu Visionen wurde dem österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky anlässlich der Debatte über den Roman »Holzfällen« von Thomas Bernhard zugeschrieben. Franz Vranitzky hat stets bestritten, sich in diesem Sinne geäussert zu haben.
(2) Siehe auch Richard Dawkins, »Mind Viruses in Memesis – The Future of Evolution, Ars Electronica 1996«, Linz 1996.
(3) Slavoj Zizek, On Believe, London 2001, Seite 81.
(4) Die Kritik am Humanismus ist bei Foucault stets mit einer Kritik an den Humanwissenschaften verbunden. Berühmt wurden die Schlussworte in »Die Ordnung der Dinge«: »Eines ist auf jeden Fall gewiß: der Mensch ist nicht das älteste und auch nicht das konstanteste Problem, das sich dem menschlichen Wissen gestellt hat. (...) Wenn diese Dispositionen verschwänden (...) dann kann man sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht am Sand. « Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/Main 1971.
(5)Ulrich Beck, Anthony Giddens, Die reflexive Moderne, Frankfurt/Main 1996. Ulrich Beck, Wolfgang Bonß [Hrsg.], Die Modernisierung der Moderne, Frankfurt/Main 2001.
(6) Siehe dazu auch: Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, Wortmeldungen im Dienste des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion, Konstanz 1998, Seite 20f.
(7) Siehe z.B.: Saskia Sassen, Losing Control. Souvereignity in an Age of Globalization, Columbia University Press 1996.
(8) Anthony Giddens, Die Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/Main 1995.
(9) Norbert Bolz, Friedrich Kittler et al. [Hrsg.], Weltbürgertum und Globalisierung, München, 2000.
(10) Michael Hart, Antonio Negri, Empire, Cambridge 2000.
(11) Neal Stephsenson, Snowcrash, New York 1992.
(12) Siehe auch: Richard Sennett, Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998.
(13) Nikolai Kondratieff , Die langen Wellen der Konjunktur. In: Lederer, Emil (Hrsg.), Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik. 56. Band. Tübingen 1926.
(14) Jeremy Rifkin, The Age of Access – The New Culture of Hypercapitalism, Where All of Life Is a Paid-for Experience, New York 2000.
(15) Joseph Schumpeter, Theorie der Wirtschaftlichen Entwicklung; eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und Konjunkturzyklus, Berlin 1987
(16) Der physikalische Layer der Netzwerke jedoch verfügt durchaus über eine geographische Verortung und unterliegt dem Zugriff nationalstaatlicher Jurisdiktion. Der darin enthaltene Widerpruch beschäftigt bereits die Gerichte und Behörden verschiedener Länder und führt zu Bestrebungen, auch im Internet Grenzen analog zu den nationalstaatlichen Grenzen einzuziehen.
(17) Biopatente und der Bio-Piraterie: eine Praxis von großen pharmazeutischen Unternehmen, die Naturvölkern z.b im Regenwald ihr überliefertes Wissen durch Anthropologen abnehmen, Pflanzen erforschen und mitnehmen, diese patentieren und dann in dieselben Länder als patentierte Medikamente zurückexportieren.
(18) Zur aktuellen Rechtsdebatte siehe auch: Lawrence Lessig, The Future of Ideas: The Fate of the Commons in a Connected World, New York 2001.
(19) »Bei einer kommunistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale und nationale Borniertheit, die rein aus der Teilung der Arbeit hervorgeht. (...) «. Aus: Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Geschrieben 1845-1846, dt Erstveröffentlichung: Moskau 1932. In einem anlässlich des Themas TAKEOVER der Ars Electronica 2001 geführten Gespräch, haben wir schon darüber diskutiert, siehe auch http://flow.electrolyte.net/takeover/sub_rantasa.html

 
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