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IM REICH DES PLURALS
Vermutungen zu Europas Zukunft. Wie wird unser Leben in 50 Jahren aussehen? 25 Autoren wagten 25 Thesen: Versuch eines Rück- und Überblicks.

Andreas Hirsch
Beitrag zum Sonderheft "PEACE vermutet: Europa in 50 Jahren"

Vermuten ist kein leichtes Geschäft. Die Zukunft eines Europas in 50 Jahren zu vermuten bedeutet, sich auf ungesichertes Terrain zu begeben und einen längeren Betrachtungshorizont anzulegen, als in der täglichen Arbeit üblich. Vermuten heißt auch, sich der Gefahr auszusetzen, in seinen Vermutungen widerlegt zu werden, sich qualifiziert zu blamieren als naiver Träumer, haltloser Phantast oder angsterfüllter Schwarzseher – und all dies möglicherweise auch noch wider Erwarten zu erleben.

Den Blick in die Zukunft werfen wir, so erinnerte uns Barbara Frischmuth, mit gegenwartsgetrübtem Auge. Der Kunst des langen Blicks stehen oft nicht nur die Bilder der Gegenwart, sondern auch die Begriffe der Vergangenheit im Wege. Zugleich geht es beim Vermuten nicht ohne die Vergangenheit: unser Weg in die Zukunft führt über die Erinnerung. Nur dort, wo die Erinnerung an begangenes Unrecht der Erinnerung an Erlittenes zur Seite tritt, dort – so legte Aleida Assmann den Finger auf offene Wunden des Kontinentes – können schlechte historische Kontinuitäten aufgekündigt werden und dort wird der Weg in die Zukunft frei.

Assman war es auch, die unserem Projekt den Spiegel vorhielt und seinen Platz in der europäischen Entwicklung zuwies. Europa befände sich in einer selbst-reflexiven Phase, wäre ein Projekt der Akademiker und Intellektuellen, gerufen oder sich selbst berufen fühlend, dieser Hohl-Form einen Inhalt zu geben. Dabei erschien uns Europa gar nicht so sehr als Hohl-Form denn vielmehr als ein oszillierender Gegenstand, ein vielgestaltiges Projektionsfeld von Wünschen, Hoffnungen und Ängsten.

Das Oszillieren des Bildes von Europa in 50 Jahren mag auch damit zu tun haben, dass die Prognosen voller Ambivalenzen sind. Diese Ambivalenzen aber – so Georg Franck – können leicht kippen, unabsehbar, in welche Richtung. Ausgerechnet aus der daraus resultierenden Instabilität der Lage, die doch vielen solche Sorgen macht, schöpft er die Hoffnung, dass die düsteren Projektionen – dank der notwendigen Fehlerhaftigkeit aller Prognosen in einem instabilen Feld – eben nicht eintreten würden.

Kassandrarufe jedoch gab es durchaus nicht wenige. Die am leichtesten zu ignorierende Gefahr ist dabei möglicherweise die manifesteste: Václav Havel warnte vor einem Verlust unserer Freiheiten und des demokratischen politischen Systems insgesamt. Wir würden diesen schleichenden Verlust quasi freiwillig herbeiführen, wenn wir im unaufhörlichen Dialog einer offenen Gesellschaft und in der Weiterentwicklung einer aktiven Bürgergesellschaft ermüden. In eine ähnliche Kerbe schlugen Simon Winchester und Georg Schöfbänker, wenn sie – der eine am Beispiel der Reaktion auf Naturkatastrophen, der andere bei der Analyse der Sicherheit in Europa – vor einer Re-Theologisierung der Politik nach amerikanischem Vorbild warnten. Sie zeichneten das Bild einer unheilvollen Melange aus Fatalismus, religiösem Katastrophendenken und einer Erosion des Politischen. Das sind Bilder, die ein europäisches Selbstverständnis, wo ein solches existiert, sehr rasch an seine Grenzen zu führen vermögen.

Das Gespenst der Marginalisierung Europas erscheint am deutlichsten in Gestalt der schrittweisen Verwandlung in ein Disneyland auf hoher kultureller Ebene (Walter Laqueur) – eine Verwandlung, die durch die Musealisierung der historischen Zentren längst eingeleitet ist. Uns bliebe dann noch die Rolle als kostümierte Akteure einer nicht endenwollenden Animationsshow für unsere Gäste. Dies ist vielleicht das heimtückischste Szenario, kommt es doch mit einer lachenden Maske und in schmucken Dekorationen auf uns zu. Die Innenstädte werden dann längst an Konzerne verkauft worden sein, wie Christian Mikunda vermutet, der uns – begleitet von allumfassendem Stimmungsmanagement – auch den Tod noch als Freizeiterlebnis konsumieren sieht. Verbreitert sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter, dann werden die abgeschotteten Erlebnisparks und Privatstädte der Reichen jedoch von Elendsenklaven umgeben und das Leben in den Megastädten Europas – wie Hélene Francoise Jourda meint – wird von der Zuspitzung gewalttätiger Gegensätze gezeichnet sein.

Nicht alle Autoren haben ihren Vermutungen ein so komplexes Rechenmodell zugrunde gelegt wie Dennis Meadows. Er lässt den Zeithorizont des „Europa in 50 Jahren“ als bereits viel zu lang erscheinen, wenn er uns – angesichts von Klimawandel, Knappheiten von Energie, Nahrung und Wasser – bereits für die Phase bis 2025 das Erreichen von Grenzen des Wachstums vor Augen stellt. Er sagt uns für die nächsten Jahre massivere Umwälzungen voraus, als sie das gesamte 20. Jahrhundert gebracht hatte. Vandana Shiva fordert – etwa im Lichte der Privatisierung und Kapitalisierung des Wassers – von Europa, dass es die Globalisierung der Nicht-Nachhaltigkeit, die so eng mit der europäischen Geschichte verknüpft ist, beenden möge. Solches Umdenken ist die vielleicht utopischste Forderung in der ganzen Serie, verlangte es doch von den Europäern, gleich über mehrere ihrer Schatten zu springen.

Den Europäern ist es jedoch durchaus gelungen, über manche ihrer Schatten zu springen, oder vielmehr, diese zu erhellen. Europa ist auch so etwas wie eine Heilungsgeschichte, ein Kontinent, dessen gemeinsame Erinnerungen primär kriegerischen Ereignissen galten, der aber auch die Erfahrung gemacht hat, dass keiner der Großen des Kontinents auf Dauer gegen den anderen gewinnen kann. Europa erweist sich als unvollendete Beziehungsgeschichte, in der mittlerweile Spannungen ausgehalten werden, ohne Gewalt anzuwenden. Es ist in Zukunft – folgt man Hans-Jürgen Heinrichs – von der Bürde befreit, gewisse politische und ökologische Fehler noch einmal begehen zu müssen, die andere erst vor sich haben. In einer langen und schmerzlichen Folge von Zerstörung und Wiederaufbau und im Umgang mit seiner hohen inneren kulturellen Diversität hat sich Europa von einigen der Schatten seiner Vergangenheit einigermaßen befreit und sich eine innere Klarheit erarbeitet, die es auch in die Lage versetzen sollte, durchaus selbstbewußt international hilfreich und moderierend aufzutreten.

Die kulturelle, sprachliche und ethnische Vielfalt Europas scheint der Definition einer gemeinsamen europäischen Identität entgegenzustehen, so wie sie nach Chérif Khaznadar auch als Schutz gegen den Dämon Globalisierung aufgeboten wird. In einer Art Sprung ins Paradoxe ist es aber gerade diese Vielfalt, die Europa ausmacht und es nach Karl-Markus Gauß zu einem Reich des Plurals werden lässt. In diesem Reich des Plurals gedeiht auch eine Form der Renitenz, die Europäer davor bewahren könnte, zu reiner fungibler Arbeitskraft zu verkommen, die zwischen den globalisierten Märkten verschoben wird. Vielleicht ist es bereits die Skepsis, deren Lob Franz Schuh singt, die einen im Bewusstsein der Vergeblichkeit des eigenen Tuns leben und immun gegen manche Entwicklungen sein lässt. „Archäologen im inneren Ausland“ nennt Hans-Jürgen Heinrichs die Europäer, geprägt von dem Wunsch nach Selbst- und Fremderkenntnis.

Wie Europa in Zukunft mit dem Fremden und mit Migration – die seine gesamte Geschichte geprägt hat – umgehen wird, stellt eine Nagelprobe seiner weiteren Entwicklung dar. Saskia Sassen machte klar, dass Immigration für die Aufrechterhaltung des Wohlstandes notwendig sein wird, und erinnerte uns daran, dass wir nur schon vergessen haben, „dass wir die, die nun wie wir sind, einst gehasst haben.“ Seine koloniale Vergangenheit holt Europa ein, wenn es zwangsläufig zum Zufluchtsort für alle wird, die es früher verfolgt und ausgebeutet hat. Da wird es nichts helfen, Europa als Festung auszubauen, denn es können – wie Barabara Frischmuth darlegte – Grenzen gar nicht so dicht gezogen werden, dass sie jene, die wir für Barbaren halten, aussperren würden. Chérif Khaznadar hält den Bedrohungsszenarien durch Zuwanderung eine positive Vision eines Europas entgegen, das seine Vielfalt als Stärke sieht und in dem alle Fremden Europäer werden können.

Was aber wird all dieses Nachdenken und Schreiben über die Zukunft Europas in eben dieser Zukunft bedeuten, worauf kann die Präsenz einer Informationsskulptur im öffentlichen Raum, die Thesen und Reaktionen transportierte, in Zukunft verweisen? Werden wir doch – folgt man Norbert Bolz – definitiv vom alphabetisch-literarischen als dem dominierenden Medium des Wissens Abschied nehmen müssen. Die gedruckte Zeitung, die wir in Händen halten, bietet uns – so wie alle „alten Medien“ – noch den Trost der Überschaubarkeit, eine Art Teddybär-Effekt der Medienwirklichkeit. Vielleicht werden sich in Zukunft auch Vorhaben wie dieses als „geistige Übergangsobjekte“ erweisen, die uns auf dem Weg in die Wissensgesellschaften und Medienwirklichkeiten der Zukunft begleiten.

Genau diese entstehenden Wissensgesellschaften werden es sein, wo für Europa besondere Chancen liegen, wenn es die Vorteile seiner kulturelle Vielfalt und seiner reichen kulturellen Geschichte für Fertigkeiten wie Wissensdesign, eine der Schlüsselaufgaben der Zukunft, zu nützen vermag. Sei es in der strukturierten Bewältigung der Wissensberge durch die Schaffung einer europäischen digitalen Bibliothek, sei es durch eine von Ismail Serageldin geforderte europäische Neuregelung des Urheberrechtes zugunsten der Schöpfer und einer freien Zugänglichkeit des Wissens. Das Gespenst der Technokratie, das Informations- und Wissensgesellschaften begleitet, lässt sich nur durch Medienkompetenz bannen. Howard Rheingold wies darauf hin, dass Bildung im 21. Jahrhundert auch bedeuten wird, die Architektur und Dynamik digitaler Medien zu verstehen. Wirklichkeiten zu erschaffen, wird das Handwerk der Zukunft, das allerdings von Maschinen verrichtet werden wird, in die wir zeitgerecht jene menschlichen Eigenschaften einbauen müssen, deren Fortbestand uns wesentlich erscheint.

Vermuten ist kein leichtes Geschäft. Aber es ist eine wichtige Übung, denn es setzt produktive Phantasien frei, es befördert tragfähige Visionen, es öffnet Raum für Diskussion. Vielleicht trägt es dazu bei, Europa von seiner aktuellen selbst-reflexiven Phase in die nächste Phase zu führen, die uns Aleida Assmann vor Augen stellte: ein Europa der Bürger, geprägt von einer europäischen Praxis der Kontakte, Kommunikation und Lebensformen. Dies wird dann ein Europa sein, wie es Derrick de Kerckhove prophezeit, durch das die Zivilgesellschaft zur wesentlichen politischen Formation auf dem Planeten wird. Einem Planeten, auf dem Europa eine konstruktive, moderierende und heilende Rolle wahrzunehmen in der Lage sein wird.

Dieser Text erschien am 1. Juli 2006 in dem Sonderheft "PEACE vermutet - Europa in 50 Jahren - Die Serie als Magazin" - Eine Kooperation von 25 PEACES und der Tageszeitung "Die Presse".

 
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